Mitternachtsspitzen

Blogeinträge (themensortiert)

Thema: ALLERLEI PLAUDEREI

HÖHERE MATHEMATIK (ERINNERUNGEN)

„Schaaatz, hast du meine Brille gesehen?“ Der beste aller Ehemänner verdreht die Augen und schaut anklagend zur Decke. Gütiger Himmel, warum strafst du mich mit dieser Frau? Du gabst ihr zwei Ohren, um ihre Brille zu halten, wieso macht sie keinen Gebrauch davon? Sicher, das würde er niemals laut sagen. Aber ich kenne ihn lange genug, um seine Blicke richtig zu deuten. Und er hat ja recht. Ich kann die seltsamen Orte gar nicht mehr alle aufzählen, an denen wir meine 'Zweiten' schon gesucht und – glücklicherweise – bisher noch immer gefunden haben: im Korb mit der Bügelwäsche, auf dem Kleiderschrank, in der Mikrowelle, um nur einige zu nennen.


Mit Schlüsseln verhält es sich leider ähnlich. Vor ein paar Jahren verlegte ich gleich mein ganzes Schlüsselbund. Selbst unter Androhung der absoluten Höchststrafe (von Weihnachten bis Ostern kein Marzipan) erinnerte ich mich nicht, wo ich es zuletzt gesehen hatte, und wir mussten sämtliche Schlösser im Haus und an den Gartentoren auswechseln. Ein teures Vergnügen, wenn man eine zentrale Sicherheitsschließanlage sein eigen nennt. Monate später entdeckte ich es dann zufällig beim Entrümpeln der Garage in einer alten Plastiktüte. Wie es da hingekommen ist, bleibt auf ewig ein Geheimnis.


Vergangenen Mittwoch holte mich der Beste wie immer von meinem Besuch im Seniorenheim ab. Zur Feier eines persönlichen Jahrestages lud ich ihn zum Essen in die „Tiroler Bauernstuben“ ein. Dort gibt es - für den, der Fleisch mag - echtes Wienerschnitzel vom Kalb, Käsespatzen und einen Kaiserschmarrn, wie man in Salzburg oder Linz keinen besseren bekommt. Satt und zufrieden fuhren wir anschließend nach Hause. Am Gartentor stieg ich aus, um aufzuschließen. Ich griff in meine Handtasche und erstarrte. Wo, zum Kuckuck, waren die Schlüssel? Mir wurde richtig schlecht. Hektisch kramte ich in der Tasche, jedoch ohne Erfolg. Wir stellten das ganze Auto auf den Kopf, aber die Schlüssel blieben unauffindbar. Nachfragen im Heim und im Restaurant erbrachten ebenfalls nur bedauerndes Schulterzucken. Sie mussten mir wohl irgendwo auf der Straße unbemerkt aus der Tasche gefallen sein. Das bedeutete, wieder mal um die 700 Euro in den Sand gesetzt, nur wegen meiner blöden Schusseligkeit. Niedergeschlagen ging ich zu Bett. Was für ein deprimierender Abschluss dieses bis dahin so schönen Tages! Wenigstens machte der Beste mir keine Vorwürfe und überging die Angelegenheit stillschweigend, was ich ihm hoch anrechnete.


In der Nacht schlief ich sehr schlecht; die Sache mit den Schlüsseln ließ mir keine Ruhe. Hatte ich sie vielleicht doch nur übersehen? Gegen vier Uhr morgens stand ich auf und schlich ins Wohnzimmer. Um Wendy nicht zu wecken, suchte ich im Dunkeln nach meiner Handtasche. Ich nahm sie mit in die Küche und schüttete den gesamten Inhalt auf dem Tisch aus. Wie heißt es in dem Lied von Ina Müller: „…denn im Grunde herrscht das Grau´n in den Handtaschen der Frau´n!“ Kaum zu glauben, mit dem, was ich da ans Licht meiner Küchenlampe beförderte, hätte ich glatt ein Kosmetikstudio eröffnen, einen Baumarkt ausrüsten und obendrein auch noch ein Lazarett errichten können. Nur Schlüssel fand ich keine. Die Tasche war leer bis auf den Grund, fühlte sich aber trotzdem noch irgendwie schwer an. Bei näherem Hinsehen erspähte ich ganz hinten ein kleines, diskretes, mit einem Reißverschluss versehenes Geheimfach. Zaghaft öffnete ich es und wurde vor Freude beinahe ohnmächtig: Darin steckten meine vermissten Schlüssel! Um sie nur ja nicht zu verlieren, hatte ich sie hier sorgfältig verstaut und später in meiner Panik natürlich nicht mehr daran gedacht. Mein Glücksgefühl in dem Moment lässt sich nur schwer beschreiben, aber Kolumbus muss ganz ähnlich empfunden haben, als er in Amerika landete.


Anderntags entdeckte ich in der Schmuckstunde eines bekannten Homeshoppingsenders ein bezauberndes Kollier. Ich hatte schon öfter dort eingekauft, und war bisher immer zufrieden gewesen. Die Kette stand kurz vor dem Ausverkauf und war zudem kräftig im Preis reduziert, da war schnelles Handeln gefragt. Also nichts wie an den PC, die Seite aufrufen, Kunden- und Artikelnummer eingeben und per Mausklick die Bestellung abschicken. Kurz darauf erhielt ich von der Firma eine Mail als Bestätigung.


In dem Augenblick betrat der beste aller Ehemänner mein Arbeitszimmer. Er sah mir über die Schulter, las die Nachricht und zog die Augenbrauen hoch. „Na“, fragte er anzüglich, „musstest du wieder Geld ausgeben? Hast du denn nicht schon genügend Klunkern?“ Im allgemeinen spricht man uns Frauen logisches Denken ja eher ab, doch hier reagierte ich blitzschnell. „Hör mal“, erklärte ich ihm, „das musst du anders rechnen. Schließlich haben wir dadurch, dass ich meine Schlüssel nun doch nicht verbummelt habe, jede Menge Kohle gespart. Die Kette kostet gerade mal ein Viertel davon, also bleibt unterm Strich noch ein hübsches Sümmchen übrig.“ Ungläubig staunend sah er mich an, soviel Rechenkunst hatte er von mir nicht erwartet. Immerhin war ich die mit dem „Mangelhaft“ in Mathe, von der 10. Klasse bis zum schriftlichen Abitur – aber in diesem Fall hatte ich recht, da biss keine Maus einen Faden ab. Ich rechnete erneut: Es stimmte, nach oben war noch reichlich Luft. Voller Freude bestellte ich mir zur Kette noch die passenden Ohrringe. Ein gewisser Betrag ging als Spende ans Tierheim und an die Berliner Tafeln. Vom Restlichen suchte der Beste sich eine kleine Lokomotive (von denen er allerdings auch schon genügend hat) für seine elektrische Eisenbahn aus.


Ich war äußerst zufrieden. Eigentlich ist die Mathematik ja doch eine feine Sache. Hätte ich das nur schon vierzig Jahre früher erkannt!

Nickname 08.02.2022, 07.35 | (0/0) Kommentare | PL

SINGLE ODER LANGSPIELPLATTE?

Statistiken sind eine feine Sache. Sie verraten viel über uns, sowie über die Welt, in der wir leben und untermauern es mit unbestechlichen Zahlen. Wir erfahren beispielsweise, dass der Vatikan im Verhältnis zu seiner Bevölkerung die höchste Verbrechensrate aufweist. Allerdings werden die Delikte fast ausschließlich von Touristen begangen, die in der Regel ungestraft davonkommen, weil sie sich der päpstlichen Justiz durch Flucht ins benachbarte Italien entziehen. Interessant, oder?


Aber das ist längst nicht alles. Statistiken vermögen noch einiges mehr, sie können sogar bei einer Diät hilfreich sein. Wenn etwa der beste aller Ehemänner ein ganzes Brathähnchen samt der knusprigen Haut verputzt, während ich mich mit einer Handvoll Radieschen und ein paar Salatblättern begnüge, darf ich mich anschließend ebenso satt und zufrieden fühlen wie er. Schließlich habe ich – statistisch gesehen – auch ein halbes Hähnchen verspeist. Falls ich trotzdem weiter hungrig bin, liegt das bestimmt nicht an den nackten Zahlen (eher an dem Haufen nackter, sorgfältig abgenagter Knochen auf dem Teller des Besten), denn Zahlen lügen bekanntlich nicht.


Wie die aktuellen, kürzlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Ziffern belegen, gibt es in Deutschland rund 22 Millionen Singles. Das heißt, jeder vierte Bundesbürger ist solo. Das Leben ohne Anhang hat zweifellos seine guten Seiten. Die Herren der Schöpfung brauchen keine drastischen Strafmaßnahmen (wie Liebesentzug und Nächtigen auf dem Sofa) zu befürchten, wenn sie ihre freie Zeit im Fußballstadion, in der Kneipe oder einem anderen Etablissement verbringen. Singlefrauen ihrerseits engagieren gut gebaute Nacktputzer und feiern wahre Shoppingorgien, ohne dass ein „Er“ sich aufführt wie Othello oder ihnen die Kreditkarte sperrt. Kurz und gut, Männlein wie Weiblein dürfen ganz nach der eigenen Fasson selig werden.


Trotz aller unbestrittenen Vorzüge des Singledaseins oute ich mich als überzeugte Langspielplatte. Der beste aller Ehemänner und ich spielen nun schon seit fast achtunddreißig Jahren unser Lied (sieben Jahre "wilde Ehe", quasi als Intro, kommen hinzu): Mit täglich wechselnden Strophen, mal Staccato, mal Vibrato; heute in Dur und morgen vielleicht in Moll, aber immer nach unserer eigenen Melodie. So wird es bleiben bis ans Ende des Vinyls – selbst gegen den Rat von Experten, man solle die Nadel auswechseln, wenn die Rille zu knistern beginnt. Honi soit, qui mal y pense!

Nickname 07.02.2022, 15.08 | (0/0) Kommentare | PL

EHRLICH FÄHRT AM LÄNGSTEN

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten; und ohne Lichtmaschine taugt das beste Auto nichts. Diese Erfahrung musste kürzlich eine 20jährige Frau aus Wuppertal machen.


Als sie morgens zu ihrem Wagen kam, fand sie diesen aufgebrochen vor. Auf den ersten Blick ließ sich allerdings nicht erkennen, was entwendet worden war: Navi, Radio, Handy – alles befand sich noch an seinem Platz. Beim näheren Hinsehen entdeckte sie jedoch auf dem Beifahrersitz 111,30 € und einen Zettel mit folgender Aufschrift: „Sorry, aber wir müssen noch eine sehr weite Strecke fahren und leider hat unsere Lichtmaschine ihren Geist aufgegeben. Deswegen haben wir uns deine ausgeborgt. Nimm´s uns nicht krumm, es war ja ein Notfall. Danke.“


So schrieben die 'ehrlichen' Diebe, die sich des Nachts im Motorraum bedient hatten. Laut Angaben der Wuppertaler Polizei fügten sie noch folgende Warnung hinzu: „P.S. Du kannst so nicht fahren! Kauf dir eine gebrauchte, dafür reicht das Geld. Mehr hatten wir nicht.“


Auf das Urteil – sollten die Diebe gefasst und vor Gericht gestellt werden – darf man gespannt sein. Beinahe möchten sie einem so ein ganz klein wenig sympathisch sein; ich meine, solange es sich nicht um das eigene Fahrzeug handelt...

Nickname 07.02.2022, 11.40 | (0/0) Kommentare | PL

ERINNERUNGEN: EINS RAUF MIT MAPPE!

„Ach ja, früher, da war alles besser!“ Das sagen viele, aber so war es sicher nicht - und wenn doch, dann nur sehr bedingt. Es kommt ganz darauf an, zu welcher Zeit man den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Unsere Eltern und Großeltern würden wohl kaum von sich behaupten, sie hätten die besten aller Zeiten erlebt. Ihre Jugend und jungen Erwachsenenjahre waren geprägt von Krieg und Zerstörung, von Hunger und Angst. Eigentlich konnte es nur noch aufwärts gehen. Ich persönlich denke, dass meine Generation (Jahrgang 1955 und folgende) es hierzulande am glücklichsten getroffen hat. Wir leben seit unserer Geburt in Frieden, größtmöglicher Freiheit und sofern ich das beurteilen kann, weitestgehend in sozialer Sicherheit. Ich bin keine ewig Gestrige, die wehmütig den alten Zeiten nachtrauert. Es gibt aber Dinge, von denen ich meine, sie seien früher tatsächlich anders und besser gewesen.


Unsere Patentochter Sanni steht gerade mitten im Abitur. Das erinnert mich an meine eigene Schulzeit. Wir hatten damals noch kein Kurssystem, sondern wurden bis zum Ende im Klassenverband unterrichtet. Natürlich gab es Cliquen, man mochte nicht alle Mitschüler gleich gut leiden, und ich gehörte eher zu den Unbeliebten. Trotzdem standen meine Klassenkameraden auf dem Gang vor dem Prüfungszimmer und drückten mir die Daumen, als ich ins mündliche Abitur musste, um mich von der Fünf in Mathe auf eine Vier zu retten. Als unser Lehrer dann endlich den Kopf durch die Tür steckte und flüsterte: „Ja, sie hat´s geschafft“, klatschten sie sogar Beifall.


Es gab eine richtig tolle Schulabschlussfete; eigentlich war es schon eher ein Ball. Wir hatten alles in eigener Regie geplant und vorbereitet, jeder steuerte seinen Anteil bei: Etwas für das leibliche Wohl, ein selbst getextetes Lied, eine Parodie oder einen lustigen Sketch. Sämtliche Eltern und Lehrer waren eingeladen, und sie kamen auch alle, um mit uns den Abschluss dieses Lebensabschnitts zu feiern, bevor wir dann „hinaus ins feindliche Leben“ gingen.


Bei Sanni verläuft schon jetzt vieles im Sande. Durch das Kurssystem werden Freundschaften frühzeitig beendet, denn jeder setzt sich andere Schwerpunkte, und in den letzten drei Semestern hat sie ihre Freundinnen im Unterricht nur noch selten gesehen. Eine Abifeier war zwar geplant, aber „eigentlich hat keiner so richtig Lust, sich um die Vorbereitungen zu kümmern, und es wollen sowieso nicht alle kommen.“ Ich finde das jammerschade. Ein bisschen mehr Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt wären doch ganz hübsche Mitbringsel aus der guten, alten Zeit.

Nickname 06.02.2022, 18.20 | (0/0) Kommentare | PL

AUS DEM SCHATZKÄSTCHEN: A LITTLE BIT IS BETTER THAN NADA

Also… das war ja nun der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein, den wir gestern am späten Abend vom großen Regen abbekommen haben. Gerade mal genug um das Laub an den Bäumen zu benetzen und die staubige Erde kurz anzufeuchten. Ein paar Stunden später Stunden war das wenige Nass dann auch schon wieder verdunstet. Wenigstens hatte es sich so weit erfrischt, dass wir über Nacht ordentlich durchlüften und die größte Hitze aus dem Haus lassen konnten. Eine Wohltat, vor allem für unsere Vierpfoter: Einmal tüchtig durchschnaufen, bevor die nächste Hitzewelle angerollt kommt.


Dabei hatte der Himmel so verheißungsvoll schwarz ausgesehen, Blitz und Donner ließen ebenfalls auf einen ordentlichen Guss hoffen. Rings um Berlin gab es ja auch reichlich Nass vom Himmel. Nur wir sitzen weiterhin auf dem Trockenen, als hockten wir in einer Falle. Das kennen wir von früher, schließlich haben wir jahrzehntelang mit der Insellage unserer Stadt gelebt. Wobei ich sagen kann, dass davon im normalen Alltag kaum etwas zu spüren war. Bloß hin und wieder überkam einen so ein leicht mulmiges Gefühl, wenn die große Politik wieder einmal verrückt spielte. (Dabei stellt sich mir eben die Frage, wann hätte sie das jemals nicht getan?) Nur wenn es alle drei bis vier Jahre einmal ans Verreisen ging, war das oft stundenlange Stehen an den Grenzkontrollpunkten schon recht lästig. Sagen durftest du nichts; und wenn du es trotzdem gewagt hast, den Mund aufzumachen und dich zu beschweren, wurdest du aus der Schlange geholt und konntest noch mal zwei Stunden zusätzlich warten. Reine Willkür und Freude am Schikanieren. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei.


Wieder zur Trockenheit und meinem geliebten Grün. Inzwischen bin ich schon so weit, mich bei jedem Straßenbaum zu entschuldigen, den ich nicht gießen kann, denn selbst mit dem extra verlängerten 50m – Schlauch kommen wir nicht überall hin.


Was ich mit Verlaub gesagt zum Erbrechen finde, ist, dass wir mit unserer Aktion mutterseelenallein auf weiter Flur sind. Die Menschen benehmen sich, als ginge sie das überhaupt nichts an. Manche glotzen blöd oder stellen dämliche Fragen, warum wir das machen; andere gucken demonstrativ weg, damit wir sie nur ja nicht ansprechen und auffordern, es uns gleich zu tun. Es hat sich anscheinend noch nicht herumgesprochen, dass die Bäume uns mit Sauerstoff versorgen, den wir nun mal zum Atmen brauchen. Wenn die eingehen, tun wir es auch Es müssen ja nicht alle gleich einen ganzen Wald adoptieren. Aber jeden Tag für den Baum vor der eigenen Haustür einen oder zwei Eimer Wasser, dabei fällt wohl niemandem der Arm ab und es treibt auch keinen in den finanziellen Ruin. Ganz ehrlich, diese Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und vor allem die grenzenlose Faulheit des modernen homo sapiens stinken zum Himmel.


So, das musste ich mal loswerden. Was mir sonst noch dazu einfällt, das aufzuschreiben verbietet mir meine gute Erziehung. Wir lassen uns jedenfalls nicht entmutigen. Und sollte es das eine oder andere Jungbäumchen trotz unserer Hilfe nicht durch die Dürreperiode schaffen, dürfen wir mit gutem Gewissen sagen, wir haben es wenigstens versucht. Das ist mehr, als die meisten von sich behaupten können.

Nickname 06.02.2022, 16.57 | (0/0) Kommentare | PL

WARTE, WARTE NUR EIN WEILCHEN!

Sind Sie ein geduldiger Mensch? „Für den, der abwarten kann, beginnt auch ein Ei zu fliegen“, so drückte es Robert Lembke aus. Ich persönlich liebe mein gelegentliches Frühstücksei butterweich – also höchstens fünf Minuten – gekocht und wäre nur mäßig begeistert, wenn es plötzlich mit schadenfrohem Gackern auf und davon flöge. Sie merken schon, Geduld ist nicht meine Stärke. Im Gegenteil, sie gehört zu den schwierigsten Lernaufgaben, die mir für dieses Leben gestellt wurden.


Unsere Vierbeiner sind hierbei hervorragende Lehrer. Bobby zum Beispiel ist ein wahrer Zen – Meister, ein Muster an Gelassenheit und Ruhe. Wenn wir spätabends unsere letzte Runde drehen, brauchen wir von der Gartentür bis zur nächsten Straßenecke und retour – eine Strecke von etwa vierhundert Metern – gut eine halbe Stunde. Da helfen weder ungeduldiges Zerren an der Leine (der Große stemmt einfach alle Viere fest in den Boden und macht sich so schwer wie ein Elefantenbaby), noch gemurmelte Beschwörungen im Stil von: „Na los, jetzt komm schon, du fauler Hund, oder willst du hier Wurzeln schlagen?“. Bevor nicht jeder einzelne Grashalm, jedes Blatt am Strauch gelesen und mit einem Kommentar versehen wurde, geht es keinen Millimeter voran. Ich trete dabei von einem Fuß auf den anderen und vertreibe mir die Zeit, indem ich zum nachtblauen Himmel schaue und die lieben Sternlein zähle. Oder ich lausche dem Flüstern der Blätter in den Baumkronen und träume vor mich hin. Wenn es dann irgendwann an der Leine ruckt, was bedeutet, es möge nun bitteschön weitergehen, merke ich, dass ich im Stehen eingeschlafen bin.


Wussten Sie eigentlich, dass „Patient“, wörtlich übersetzt, nicht der Kranke, sondern der Geduldige heißt? Denken Sie bei Ihrem nächsten Arztbesuch daran, wenn Sie, trotz vereinbarten Termins, wieder zweieinhalb Stunden im überfüllten Wartezimmer hocken, bevor Sie endlich aufgerufen werden. Dafür ist aber der Doktor dann auch ein richtiger Mensch – hoffentlich! - und kein Ei, das nach einer bestimmten Wartezeit… Sie wissen schon.



Nickname 06.02.2022, 12.21 | (0/0) Kommentare | PL

AUS DEM SCHATZKÄSTCHEN: EIN GUTER FREUND AUS KINDERTAGEN

In unserem Garten steht ein alter Apfelbaum. Als wir vor sechzig hierherzogen, war er schon längst „erwachsen“, und seitdem hat er uns in jedem zweiten Jahr die schönsten Früchte beschert. Im Frühling war er ein einziges weiß-rosa Blütenmeer mit einem Duft, den kein Parfumeur in seinen kühnsten Träumen kreieren könnte. Die Sorte heißt „Goldparmäne“, ist eigentlich längst vergessen, und es gibt sie auch nirgends zu kaufen. Seit einigen Jahren erlebt sie allerdings eine Art Renaissance, und in manchen Baumschulen werden schon wieder kleine Bäumchen aufgezogen.

Für mich ist dieser Baum ein Freund aus Kindertagen. Ich bin mit ihm aufgewachsen, habe oft mit ihm geredet (das tue ich heute immer noch) und mich manchmal wochenlang fast ausschließlich von den köstlichen Äpfeln ernährt. Sie haben ein ganz spezielles Aroma, nicht nur süß oder säuerlich, sondern mit einer feinen Würze, die man schwer beschreiben kann – man muss sie schmecken. In seinen besten Jahren haben wir bis zu eineinhalb Zentnern Früchte geerntet und damit nicht nur die Familie, sondern auch die Nachbarn versorgt.

In den letzten Jahren hat er allerdings zu kränkeln begonnen. Nun sind achtzig bis fünfundachtzig Jahre für einen Obstbaum schon ein stolzes Alter; trotzdem war ich sehr betrübt. Ich habe mehrere Fachleute befragt, aber alle zuckten nur bedauernd die Schultern und meinten, da könne man nichts mehr tun außer fällen. Der Gedanke tat mir in der Seele weh. Ich bin lange um meinen Liebling herumgestrichen und habe jeden einzelnen Ast eingehend begutachtet: Eigentlich sieht er ja tot aus, aber guck mal, da sind zwei Knospen; hier sind auch welche und hier ebenfalls. Kurz und gut: Wir haben ein paar Äste abgesägt, die wirklich nicht mehr zu retten waren, und einige wilde Triebe entfernt. Flechten und Flugrost wurden mit der Wurzelbürste abgeschrubbt, Pilze sorgfältig entfernt und die Baumrinde mit einem speziellen Schutzmittel bestrichen. Dann haben wir ihn ausgiebig gewässert. Er hat es uns mit reichlich Blatt- und Blütenknospen gedankt. Das heißt, wir dürfen uns im Herbst auf Früchte freuen, und wenn es vielleicht nur ein oder zwei Dutzend sind.

Es erfüllt mich mit Freude, dass in dem alten Holz noch so viel Kraft und Lebenswillen stecken.


Eigentlich besteht unser geretteter Apfelbaum aus drei Stämmen, die alle aus derselben Wurzel gewachsen sind. Vor ungefähr zwanzig Jahren mussten wir von einem der Stämme einen dicken Ast absägen, weil er morsch geworden war. Das Astloch ist seit langem hohl. Was tun? Ein Gärtner riet uns, es mit Zement auszufüllen. Ein zweiter meinte, das wäre nicht gut; es käme nicht mehr genügend Luft heran, und der Stamm würde verfaulen. Also haben wir es gelassen.


Ein Glück, denn zum dritten Mal sind vor ein paar Wochen Mieter dort eingezogen: Ein Blaumeisenpärchen! Sie haben in der Asthöhle ein Nest gebaut und sitzen dort so sicher wie in Abrahams Schoß. Das Einflugloch ist für Meisen gerade groß genug, dagegen viel zu klein für Fressfeinde wie Elster, Eichelhäher und Co. Inzwischen sind die Jungen geschlüpft, und der Baum fängt an zu piepsen, sobald man in die Nähe kommt. Die kleinen Vögelchen haben nämlich sehr feine Ohren und meinen bei jedem Geräusch, ihre Eltern kämen, um ihnen Futter bringen. Wir müssen nur aufpassen, wenn sie ihren 'Bunker' in Kürze verlassen, um ihre ersten Ausflüge zu unternehmen; denn es gibt hier viele freilaufende Katzen, für die die Kleinen eine leichte Beute darstellen. Da kommen dann unsere Hundecops zum Einsatz, die den Minilöwen zwar höflich, aber bestimmt den Weg durch Zaunlöcher und über die Gartenmauer zum Nachbarn zeigen. Bei der Fütterung der 'Zitterlinge' zuzusehen, ist ein besonders anrührendes Erlebnis für sich.

Endlich fängt die Natur wieder zu leben an. Und wie diese Geschichte zeigt, rechnen Jugendlichkeit und Lebensfreude sich nicht nur nach Jahresringen.

Nickname 05.02.2022, 19.30 | (0/0) Kommentare | PL

ICH BIN JA SO VERSCHOSSEN

"…in deine Sommersprossen, die kleinen und die großen sind meine Freud´!" Diesen alten Gassenhauer sang ich unserem Barny hin und wieder vor. Der süße Schatz hatte nämlich zwei ganz allerliebste Sommersprossen auf seiner niedlichen Schnute. Direkt zum Verschießen! Aber wieso ist man eigentlich verschossen? Schlag nach bei Shakespeare, denn da steht was drin, so hieß es in meiner Jugend. Heute stehen uns natürlich viele andere (wenn auch vielleicht nicht immer bessere) Informationsquellen zur Verfügung, und da habe ich mich einmal schlau gemacht:


Also… früher sagte man: "Ich bin geschossen" - eine Anspielung auf Amor, den römischen Liebesgott. Der Legende nach verliebt sich derjenige besonders heftig, der von dessen Pfeilen getroffen wird und man ist machtlos gegen das süße Gift. Nun wissen wir alle, dass besonders die Herren der Schöpfung sich schwer tun mit verbalen Liebeserklärungen. Einfach zu sagen, ich bin verliebt, ist und war vielen von ihnen auch früher schon peinlich.  Man(n) wusste sich zu helfen: Er verschmolz kurzerhand zwei Wörter – geschossen und verliebt – zu einem neuen, weniger gefühlsseligen und ist seitdem verschossen. So simpel, so genial. Wollten wir es allerdings ganz genau nehmen (was wir natürlich nicht tun, dafür ist die Sache an sich viel zu schön), dann gäbe es hierbei einen Haken: Ein wörtlich verschossener Pfeil hätte nämlich leider sein Ziel verpasst und wäre irgendwo in die Landschaft geflogen, anstatt mitten ins Herz.


Aber egal, wie Sie es nennen – Spaß macht es auf jeden Fall. Am besten suchen Sie sich einen strategisch günstigen Platz, wo der Pfeil Sie unter keinen Umständen verfehlen kann, und seien Sie wieder mal verliebt!

 


Nickname 05.02.2022, 18.42 | (0/0) Kommentare | PL

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ÜBER MICH:Geboren vor 67 Jahren als waschechte Berliner Pflanze, mit reinem Spreewasser getauft und in der Heimatstadt fest verwurzelt geblieben.
Verheiratet mit dem besten aller Ehemänner und glückliches Frauchen von neun allerliebsten Fellnasen.





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