Mitternachtsspitzen

Blogeinträge (themensortiert)

Thema: C´EST LA VIE!

WO, BITTE, GEHT´S DENN HIER NACH HAUSE?



Ich gestehe es nur ungern, aber mein Orientierungssinn lässt allerhand zu wünschen übrig. Der beste aller Ehemänner formuliert das so: „Wenn du in Zukunft aus dem Haus gehst, häng dir einen Peilsender um, damit ich dich orten kann, falls du dich mal wieder (soll heißen: so wie immer) verläufst.“


Er hat recht, leider. Für mich sieht eine Straße eben wie die andere aus. In einem Kurbad habe ich vor Jahren am Tag meiner Heimreise sämtliche Konditoreien abgeklappert (es waren siebzehn) und prompt meinen Zug verpasst, weil ich mich nicht mehr erinnern konnte, wo ich diese köstlichen, handgefertigten Trüffelpralinen als Mitbringsel für meine Lieben bestellt hatte. Ein anderes Mal suchte ich in einer Münchner Tiefgarage stundenlang vergeblich nach meinem Auto. Dabei hatte ich mir die Parketage gemerkt und die Nummer des Stellplatzes vorsorglich auf dem Parkschein notiert. Sicher ist sicher. Aber das Auto blieb verschwunden, wahrscheinlich war es geklaut worden. Ich wollte gerade die Polizei verständigen und den Wagen als gestohlen melden, als mir eine innere Stimme zuflüsterte: „Vielleicht probierst du es vorher noch mal im Parkhaus gegenüber…“.


Gestern habe ich das Radfahren für mich wiederentdeckt. Es heißt ja, damit wäre es wie mit dem Schwimmen oder dem Küssen: Wer es kann, der verlernt es nie mehr. Trotzdem fühlte ich mich anfangs etwas unsicher; kein Wunder, denn mein Drahtesel hatte etliche Jahre im Geräteschuppen ein wenig beachtetes Schattendasein geführt. Nach mehreren Anläufen saß ich dann doch wieder fest im Sattel und trat vergnügt in die Pedale. Eine Zeitlang fuhr ich so durch unseren herrlichen Wald, genoss den Sonnenschein, den warmen Wind, das Vogelzwitschern – und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich war. Ein Baum sieht ja wie der andere aus. Es dämmerte schon, und langsam wollte ich nach Hause. Mein Instinkt riet mir, ich sollte rechts abbiegen; also war es wohl besser, mich links zu halten. Vorsichtshalber entschied ich mich, doch lieber jemanden nach dem Weg zu fragen. Ich stieg ab und hielt den ersten Radfahrer an, der mir entgegen kam. „Bitte, können Sie mir sagen, wie ich zurück zur Dreilindenbrücke komme?“ Es war eine Dame, die mir bereitwillig und mit unverkennbarem badischen Akzent erklärte: „Ha noi, des isch nimmer weit, des isch glei da vorn, wo´s wieder lichter wird!“ Sodann begann sie, mir ausführlich die Geschichte unseres ehemaligen Berliner Kontrollpunktes Dreilinden zu schildern. Ich hörte ihr zehn Minuten lang zu, dann verabschiedete ich mich mit der Ausrede, dringend aufs Klo zu müssen, bedankte mich und fuhr auf dem von ihr beschriebenen Weg nach Hause.


Für alle, die bis jetzt vergeblich auf eine Pointe warten, hier ist sie: Als ich die hilfsbereite Schwäbin um Auskunft bat, war ich höchstens dreihundert Meter Luftlinie von unserem Haus entfernt – dem Haus wohlgemerkt, in dem ich aufgewachsen bin und seit über fünfzig Jahren lebe. Nicht einmal ich hätte mich da wohl noch verfahren können. Aber schließlich, sicher ist sicher.

Nickname 02.06.2018, 21.53 | (0/0) Kommentare | PL

WAS WOLLTE ICH EBEN SAGEN?


Die folgende Geschichte widme ich denjenigen, für die „Wir sind alle über 40“ nicht mehr nur ein Schlagertitel, sondern längst eine Tatsache ist. Natürlich dürfen die Jüngeren ebenfalls mitlesen und sich einen Vorgeschmack auf Zukünftiges holen:


Mein Doktor stellte neulich beim mir „Verminderte Gedächtnisleistung als Folge des Allgemeinen Alterungsprozesses“ fest, kurz V.G.F.A.A.


Und das sind die Symptome: Ich beschließe, dem besten aller Ehemänner eine Freude zu machen und seinen Wagen zu waschen. Auf dem Weg in die Garage nehme ich den Autoschlüssel vom Brett; da sehe ich durchs Küchenfenster, wie der Briefträger soeben die Post in unseren Briefkasten wirft. Mal sehen, wahrscheinlich sind es doch wieder bloß Rechnungen und Reklame, aber vielleicht ist ja ausnahmsweise auch ein richtiger Brief dabei… so wie früher, mit der Hand geschrieben und nicht am Computer getippt.


Ich öffne den Briefkasten, lege den Autoschlüssel kurz darin ab und sortiere die Post. Die Werbung wandert gleich in die blaue Tonne, die Rechnungen bringe ich nach oben in mein Arbeitszimmer und lege sie dort auf den Schreibtisch, um sie später zu bezahlen. Ich nehme den Umschlag mit den PIN – Nummern fürs Onlinebanking aus der Schublade. Au weia, nur noch fünf PINS, da werde ich nachher sofort bei der Bank neue bestellen. Beim Schließen der Schublade stoße ich um ein Haar den halb ausgetrunkenen Kaffeebecher von heute morgen um. Gerade noch mal gut gegangen, meine Tastatur mag nämlich überhaupt keinen Kaffee. Nichts wie ab mit dem Becher in die Küche. Auf dem Weg nach unten höre ich, wie der Zimmerbrunnen in der Diele statt zu sprudeln nur noch heiser röchelt, er braucht dringend Wasser. Ich stelle den Kaffeebecher auf den Schuhschrank und – yipieehh! Da liegt ja meine Brille, die ich schon den ganzen Vormittag suche wie ein Stückchen Brot. Am besten setze ich sie gleich auf, bevor ich sie erneut verlege.


Dann gehe ich in den Keller, um eine Flasche destilliertes Wasser für den Brunnen zu holen. Himmel, A…. und Zwirn – da hat doch irgend so ein Vollidiot mein Handy auf dem Bügeltisch liegen lassen, und ich habe mich halb tot danach gesucht, als ich meiner Freundin eine SMS schreiben wollte. Ich bringe es lieber sofort zurück nach oben ins Esszimmer, wo es normalerweise neben dem richtigen Telefon liegt. In dem Moment höre ich, wie es an der Haustür läutet. Barny, Nelly und Woody stehen sofort auf der Matte und kläffen wie verrückt. Ich werfe das Handy in den Korb mit der Bügelwäsche und haste die Treppe hinauf. Als ich die Haustür öffne, ist keiner da. Das waren bestimmt wieder die Kinder von nebenan mit einem ihrer Klingelstreiche. Während ich die Haustür schließe, versuche ich krampfhaft, mich daran zu erinnern, was ich eigentlich die ganze Zeit über tun wollte.


Abends muss ich erkennen, dass ich im Grunde nichts erledigt habe: Das Auto des Besten ist immer noch schmutzig, die Überweisungen sind unerledigt, der halbvolle Kaffeebecher steht nach wie vor auf dem Schuhschrank, die Brunnenpumpe hat mangels Wasser ihr Leben ausgehaucht, im Umschlag stecken unverändert nur fünf PINS, das Handy bleibt verschwunden und wo - zum Kuckuck! – habe ich den Autoschlüssel gelassen? Ich bin fix und fertig, denn obwohl ich eigentlich nichts geschafft habe, hatte ich doch den ganzen Tag zu tun.


V.G.F.A.A. ist offenbar ein sehr schweres und ernsthaftes Leiden. Ich werde im Internet darüber recherchieren. Vorher will ich nur noch einige Mails verschicken…


Hat es Euch auch schon erwischt? Gebt bitte diese Nachricht an alle Eure Freunde und Bekannten weiter; ich habe nämlich vergessen, wem ich sie bereits gesendet habe.


Vielen Dank!


Nickname 31.05.2018, 15.15 | (0/0) Kommentare | PL

WEM GOTT DIE RECHTE GUNST ERWEISEN WILL

Hier in unserer Gemeinde lebt eine kleine, alte Dame; die Achtzig hat sie längst weit überschritten. Ich kenne sie vom Sehen und Grüßen, weil sie immer um die Monatsmitte das Kirchenblatt austrägt und bei der Gelegenheit unserer ebenfalls hochbetagten Nachbarin einen Besuch abstattet. Das tut sie schon seit über zwanzig Jahren, bei brütender Hitze und eisiger Kälte - egal, ob es draußen gerade regnet, stürmt oder schneit. Unverdrossen zieht sie ihren Einkaufswagen mit den Heftchen, die sie gewissenhaft verteilt. Auch wir finden regelmäßig eines im Briefkasten vor. Dabei zahlen wir schon ewig keine Kirchensteuer mehr. Ich habe ihr das wohl einmal angedeutet. Sie meinte aber, das mache nichts, der liebe Gott brauche sowieso kein Geld. Sein Bodenpersonal dürfte da ganz anderer Meinung sein; aber das nur nebenbei.

 

Menschen wie dieses alte Muttchen bewundere ich. Sie hat ihre Bestimmung gefunden, eine Aufgabe, die sie ausfüllt, die sie zufrieden und glücklich macht. Jeder von uns sollte so etwas haben. Dabei spielt es keine Rolle, wofür wir uns entscheiden: Ob wir uns um verlassene Tiere kümmern, Kindern vorlesen, dementen Senioren unsere Zeit schenken oder einen Ökogarten anlegen möchten. Es kommt einzig darauf an, dass das, was wir tun, unsere Seele erfreut und unser Herz zum Lachen bringt.


Nickname 30.05.2018, 09.05 | (0/0) Kommentare | PL

WER VORHER PLANT MUSS ZWEIMAL PLANEN

So lautete der Lieblingsspruch meiner Mutter, und sie hatte reichlich Gelegenheit, ihn anzubringen: Wenn der Bau unserer Familienpension zum x-ten Mal stockte, weil der Maurer aus dem „Blauen Montag“ eine ganze Woche machte und alle anderen Handwerkertermine auf unbestimmte Zeit verschoben werden mussten. Wenn die Gartenparty für dreißig Personen in letzter Minute panikartig nach drinnen verlegt wurde, weil das Wetter aus heiterem Himmel umschlug und es anfing, wie aus Kannen zu gießen. Oder wenn wir in den Urlaub fahren wollten, mein Vater jedoch pünktlich am Tag vor der Abreise hohes Fieber bekam und auf ärztliches Anraten hin das Bett hüten musste (irgendwann gaben wir es auf und blieben zu Hause).

 

Unsere Patentochter versucht gerade, ihr Leben bis ins letzte Detail zu planen. Zuerst einmal will sie auf Lehramt studieren, anschließend für ein Jahr ins Ausland gehen und danach eine Zeitlang im Beruf arbeiten; dann Hochzeit (den passenden Ehekandidaten hat sie schon im Visier, nur weiß der noch nichts von seinem Glück), ein Haus bauen, zwei Kinder bekommen und bis zur Pensionierung in Amt und Würden bleiben.

 

Lässt sich das überhaupt so minutiös durchziehen? Nach meiner Erfahrung klappt es höchstens in der Theorie. Gott sei Dank, möchte ich sagen; denn sonst würden wir uns schnell zu Tode langweilen. Praktisch können wir bestenfalls auf mittlere Sicht planen. Ansonsten reagieren wir auf das, was uns das Leben gerade anbietet und überlegen, ob wir das Angebot akzeptieren wollen oder nicht. Mit der Entscheidung müssen wir dann leben – aber wir dürfen uns später niemals fragen, was wäre, wenn wir damals anders entschieden hätten!

 

„Wie lautet die Vergangenheit von: Der Mensch denkt, Gott lenkt?“, will die Lehrerin im Deutschunterricht wissen. Ein Schüler meldet sich und antwortet: „Der Mensch dachte, Gott lachte.“ Oder wie drückte es mein damals gerade achtjähriger Cousin aus? Er sagte in seiner kindlichen Weisheit: „So ist eben die Welt.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. 



Nickname 29.05.2018, 16.55 | (0/0) Kommentare | PL

HAPPY BIRTHDAY TO ME!


„Was du heut´ nicht willst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen!“ Ich weiß, das Sprichwort heißt anders; nur diese Lesart entspricht mir persönlich mehr. Ich gehöre zu denen, die bestimmte Angelegenheiten gern hinauszögern – in der Hoffnung, dass die sich irgendwann von selbst erledigen. Aussitzen nannte es unser Altkanzler Kohl, und manchmal funktioniert das auch prächtig. Es gibt aber Dinge, die sollte man besser nicht auf die lange Bank schieben, sondern bald tun, wenn einem die Intuition oder ein Engel (beide sind im Grunde ein- und dasselbe) dazu raten.

 

Als mein 50. Geburtstag bevorstand, überlegte ich, wie wir ihn begehen sollten. Zu einem großen Fest hatte ich keine rechte Lust. Früher war unsere Familie riesig. Es gab jeden Monat wenigstens drei Geburtstage, die alle gefeiert wurden. Ich fühlte mich einfach übersättigt. Vielleicht in ein paar Jahren wieder, zur Goldenen 55; für den Runden schwebte mir nur ein gemütliches Essen vor mit dem Besten, meinem Papa und höchsten drei oder vier weiteren Gästen.- Irgendwann flüsterte mir jedoch eine innere Stimme zu: Komm schon, dieses eine Mal noch. Sie sind schließlich alle nicht mehr die Jüngsten, und man weiß ja nie.

 

Am Ende umfasste meine Gästeliste fünfzig  Personen, und bis auf zwei waren sie zur Party vollzählig versammelt. Nur unsere Tierärztin mit ihrem Mann fehlte, weil sie den Termin verwechselt hatte und dachte, wir würden erst eine Woche später feiern. Sie wäre ohnehin entschuldigt gewesen, denn an diesem Sonntagmittag hatte sie in ihrer Praxis noch einen Notfall zu versorgen.

 

Es wurde ein rundum fröhliches und harmonisches Fest. Besonders mein Papa, der schon immer sehr gesellig war und gern den Entertainer spielte, kam voll auf seine Kosten. Er kannte ja viele der Anwesenden schon sein halbes Leben oder länger und unterhielt sich glänzend. Auf Geschenke hatte ich verzichtet und stattdessen um eine  Spende für ein Kinderhospiz gebeten. Von Kleinigkeiten abgesehen hielten sich alle daran. Sie zeigten sich äußerst großzügig und ich konnte dem „Sonnenhof“ stattliche 732 € überweisen!

 

Einen halben Monat später starb mein Papa völlig überraschend. Er hatte eine leichte Grippe mit den üblichen Begleiterscheinungen, wie Gliederschmerzen und erhöhter Temperatur. Abends kam noch die Ärztin und gab ihm eine Spritze. Gegen Mitternacht sagte er zu uns: „Ich bin jetzt müde und ihr seid es auch. Also, geht schlafen. Danke für alles und gute Nacht.“

 

Am nächsten Morgen fanden wir ihn tot in seinem Bett. Er lächelte und wirkte so entspannt, als sei er ganz friedlich eingeschlafen. Für uns war sein plötzlicher Tod ein Schock. Trotzdem freute ich mich, dass ich - meiner Eingebung folgend -  den Geburtstag mit den noch übrigen Familienmitgliedern und den alten Freunden gefeiert hatte. So konnten sie ein letztes Mal mit ihm reden und sich von ihm verabschieden.


Nickname 27.05.2018, 08.30 | (0/0) Kommentare | PL

GRAUE THEORIE GANZ IN WEISS


„…ein graues Haar tut doch nicht weh; es sagt dir nur, dass du noch lebst!“, so behauptete es damals das österreichische Schlagerduo Brunner & Brunner in einem seiner erfolgreichsten Schlager. Na schön, ein einzelnes lasse ich mir ja noch gefallen, oder ich rupfe es kurzerhand aus. Aber wie fühlt es sich an, wenn jemand plötzlich über Nacht komplett graue Haare kriegt? Geht das überhaupt? Darüber streiten sich die Gelehrten.


Dermatologen  sagen, grundsätzlich nein. Genau genommen wird unser Haar auch gar nicht grau, sondern weiß. In den Haarwurzeln sitzen Zellen, die Pigmente – so genannte Melanoyzyten - bilden und unseren Haaren ihre Farbe geben. Mit den Jahren verlieren sie diese Fähigkeit und so wachsen weiße, also farblose Haare nach. Das passiert aber nicht bei allen Zellen gleichzeitig. Dadurch mischen sich dunkle und weiße Haare. Das Gesamtbild erscheint dann grau. Bei manchen beginnt dieser Prozess schon recht früh. Das ist genetisch bedingt. Diese Menschen haben besonders sensible Pigmentzellen, bei ihnen versiegt die Farbproduktion viel früher als bei den anderen.  Es wird uns also in die Wiege gelegt, wann wir grau werden.


Rein aus medizinischer Sicht mag das alles stimmen. Psychologen meinen aber, dass Kummer oder extremer Stress einen Menschen durchaus innerhalb kürzester Zeit ergrauen lassen können.


Mein Papa war ein Beispiel dafür. Er kam als letztes von drei Kindern zur Welt. Der Kronprinz und das Wunschmädchen waren bereits geboren; daher betrachtete sein Vater ihn eher als überflüssiges Anhängsel. Beim Alten Fritz (so lautete der Spitzname meines Großvaters) drehte sich alles ums Geld. Dementsprechend suchte er sich nach dem frühen Tod meiner Großmutter eine ebenso reiche wie bösartige Frau, die mit Fleiß und Erfolg alles daran setzte, einen endgültigen Keil zwischen die Geschwister zu treiben. Geiz ist geil, dieser Slogan hätte von ihm stammen können. Für den Erstgeborenen und das Töchterchen war ihm allerdings nichts zu teuer; da blieb für den Jüngsten kaum etwas übrig. Notgedrungen bezahlte er diesem das Studium, aber damit hatte es sich. Als mein Vater ihm dann eines Tages meine, aus bescheidenen Verhältnissen stammende Mutter vorstellte, sagte er: „Wenn du die da aus der Hundehütte tatsächlich heiratest, brauchst du nicht mehr nach Hause zu kommen.“


Natürlich heirateten die Beiden trotzdem.  Zur eigenen Wohnung langte es vorerst nicht, und so bezogen sie die kleine Mansarde im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits. Immerhin brauchten sie ein paar einfache Möbel, für die mein Papa einen Wechsel über zweihundert Mark unterschrieb. Der wurde eines Tages fällig - nur hatten meine Eltern kein Geld, um ihn einzulösen. In seiner Not suchte Papa seinen Vater auf und bat ihn, ihm die Summe zu leihen. Der Alte Fritz zückte sein Portemonnaie, drückte seinem Sohn ein Geldstück in die Hand und sagte: „Hier hast du fünf Mark, nun lass mich in Ruhe.“ Dabei lief seine Firma glänzend, und er hätte, ohne es überhaupt zu merken, die Schulden seines Jüngsten begleichen können. Wie die Familie erzählte, wurde nach diesem Erlebnis das Haar meines erst dreißigjährigen Vaters über Nacht schlohweiß.


Ins Gefängnis brauchte er wegen des fälligen Wechsels glücklicherweise jedoch nicht. Seine Schwiegereltern, die – wie die meisten damals in den Fünfzigern – selber hohe Schulden hatten, kratzten das Geld irgendwie zusammen. Mit meiner Omi verband ihn ohnehin von Anfang an ein besonders inniges „Bratkartoffelverhältnis“. Sie nahm ihn auf wie ihren eigenen Sohn, nachdem sein Vater Wort gehalten und ihn wegen seiner Mésalliance mit „der da aus der Hundehütte“ hinausgeworfen hatte.


Jahrzehnte lang blieb mein Papa seinem weißen Schopf treu. Erst als seine Haare mit zunehmendem Alter zu vergilben begannen, färbte er sie silbergrau. Als ihn seine Schwiegermutter zum ersten Mal so sah, lächelte sie, strich ihm über den Kopf und meinte süffisant: „Du eitler Fratz!“ Das sagte die Richtige – gerade sie, die noch mit 94 Jahren ihre Haare nachtönen ließ, sobald sie am Ansatz nur eine einzige weiße Stelle entdeckte!


Nickname 26.05.2018, 14.45 | (0/0) Kommentare | PL

GANDHI UND ICH


„Du musst selbst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“ Diesen Satz von Mahatma Gandhi hörte ich in einer Folge der US – Fernsehserie „Eine himmlische Familie“. Ich liebe die Camdens. Sie sind so ungeheuer amerikanisch, und sämtliche gängigen Klischees vom pappigen „Dairy Shake“ - Burger über den autoritären Cop bis zum unrealistisch - prüden „No sex before marriage“ werden in den einzelnen Folgen bedient. Die Serie macht süchtig, und seit ich mit dem Gucken angefangen habe, kann ich die Fortsetzung kaum erwarten.


Zurück zu Gandhi. Dieser weise Mann hat in seinem Leben vieles gesagt und getan, was nachdenkens- und –ahmenswert ist. Das obige Zitat spricht mich besonders an, denn im Grunde ist es ganz einfach. Wenn dir solche Dinge wie Unfrieden, Vorurteile, Hass, Intoleranz oder Neid in der Welt missfallen, dann sieh zu, dass du sie aus deinem persönlichen Leben verbannst.


Im Klartext heißt das: Entferne den Balken aus deinem Auge und kehre vor deiner eigenen Tür. Ich zum Beispiel kann nachtragende Menschen überhaupt nicht leiden; aber dass unsere Patentochter uns im vergangenen Sommer wegen ihres Ferienjobs angelogen hat, werfe ich ihr heute noch bei jeder Gelegenheit vor. Neid ist mir ein Gräuel, man muss schließlich auch gönnen können. Trotzdem bin ich felsenfest überzeugt, dass der Pokal bei der Berliner Meisterschaft in den Standardtänzen damals viel eher uns zugestanden hätte als dem Siegerpaar. Von Vorurteilen bin ich sowieso frei – denn dass ältere Herren mit Brille, Hut und Mercedes allesamt (außer meinem Papa) gemeingefährliche Autofahrer sind, Frauen grundsätzlich (mit Ausnahme von mir) nicht rückwärts einparken können und Hunde, die bellen, prinzipiell (gilt nur für unsere) nicht beißen, sind doch längst bewiesene Tatsachen, oder?


Sagte ich, es wäre einfach? Da habe ich den Mund wohl ein bisschen voll genommen, ich bin eben nicht Gandhi. Den Balken zu entfernen und vor der eigenen Türe zu kehren ist viel schwieriger, als ich mir das vorgestellt hatte. Immerhin arbeite ich fleißig daran.

Nickname 25.05.2018, 14.32 | (0/0) Kommentare | PL

WARTE, WARTE NUR EIN WEILCHEN


Sind Sie ein geduldiger Mensch? „Für den, der abwarten kann, beginnt auch ein Ei zu fliegen“, so drückte es Robert Lembke aus. Ich persönlich liebe mein gelegentliches Frühstücksei butterweich – also höchstens fünf Minuten – gekocht und wäre nur mäßig begeistert, wenn es plötzlich mit schadenfrohem Gackern auf und davon flöge. Sie merken schon, Geduld ist nicht meine Stärke. Im Gegenteil, sie gehört zu den schwierigsten Lernaufgaben, die mir für dieses Leben gestellt wurden.

 

Unsere Vierbeiner sind hierbei hervorragende Lehrer. Bobby zum Beispiel war ein echter Zen – Meister, ein Muster an Gelassenheit und Ruhe. Wenn wir spätabends unsere letzte Runde drehten, brauchten wir von der Gartentür bis zur nächsten Straßenecke und retour – eine Strecke von etwa vierhundert Metern – gut eine halbe Stunde. Da halfen weder ungeduldiges Zerren an der Leine (der Große stemmte einfach alle Viere fest in den Boden und machte sich so schwer wie ein Elefantenbaby), noch gemurmelte Beschwörungen im Stil von: „Na los, jetzt komm schon, du fauler Hund, oder willst du hier Wurzeln schlagen?“. Bevor nicht jeder einzelne Grashalm, jedes Blatt am Strauch gelesen und mit einem Kommentar versehen worden war, ging es keinen Millimeter voran. Ich trat dabei von einem Fuß auf den anderen und vertrieb mir die Zeit, indem ich zum nachtblauen Himmel schaute und die lieben Sternlein zählte. Oder ich lauschte dem Flüstern der Blätter in den Baumkronen und träumte vor mich hin. Wenn es dann irgendwann an der Leine ruckte, was bedeutete, es möge nun bitteschön weitergehen, merkte ich, dass ich im Stehen eingeschlafen war.


  

Wussten Sie eigentlich, dass „Patient“, wörtlich übersetzt, nicht der Kranke, sondern der Geduldige heißt? Denken Sie bei Ihrem nächsten Arztbesuch daran, wenn Sie, trotz vereinbarten Termins, wieder zweieinhalb Stunden im überfüllten Wartezimmer hocken, bevor Sie endlich aufgerufen werden. Dafür ist aber der Doktor dann auch ein richtiger Mensch – hoffentlich! - und kein Ei, das nach einer bestimmten Wartezeit… Sie wissen schon.

Nickname 24.05.2018, 17.05 | (0/0) Kommentare | PL

UNSER TÄGLICHES BROT


Bei unserem Bäcker hängt an der Wand hinter der Verkaufstheke ein Holzschild in Form einer Stulle (für Nicht-Berliner: eine Brotscheibe oder –schnitte). Darauf steht: „Altes Brot ist nicht hart. KEIN Brot, das ist hart.“

 

Ich lese es und frage mich, warum er dort ausgerechnet diesen Spruch angebracht hat. Wenn seine Kunden den beherzigen und zukünftig alle ihr Brot aufessen würden, anstatt es nach zwei Tagen in den Müll zu werfen, weil die Kruste nicht mehr kracht, wäre das doch ziemlich schlecht fürs Geschäft.

 

Die Erzählungen meiner Mutter aus der Zeit nach dem Krieg fallen mir ein. Meine Großmutter war damals schwerkrank, mein Großvater befand sich in Gefangenschaft, und Mama als die Älteste von drei Geschwistern war verantwortlich für das Überleben der Familie. Oft legte sie barfuß oder in viel zu engen Schuhen fünfzehn Kilometer und mehr am Tag zurück, um irgendwo ein Brot zu ergattern. Das kam natürlich nicht frisch aus dem Backofen, wies wohl auch schon ein paar Schimmelstellen auf. Diese wurden sorgfältig entfernt. Das übrige Brot schnitt man in kleine Würfel und röstete sie mit einem Stückchen Butter – sofern vorhanden – in der Pfanne an (war keine Butter oder sonstiges Fett da, was der Regel entsprach, sahen später eben mehr Augen in die Suppe hinein als aus ihr heraus). Das Ganze wurde mit kochendem Wasser übergossen, man gab ein paar Krümel Salz oder Zucker für ein bisschen Geschmack hinzu, und fertig war das Festmahl. Satt machte so eine Brotsuppe zwar nicht, aber sie wärmte durch und besänftigte den knurrenden Magen wenigstens für kurze Zeit.

 

Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein Stück Brot wegwerfen muss. Zum Glück kommt das nur selten vor. Man kann geschnittenes Brot ja wunderbar einfrieren und entnimmt dann eben immer nur so viele Scheiben, wie man auch wirklich essen will. 

 

Übrigens gibt es einen kinderleichten Trick, um altbackenes Brot noch einmal so gut wie frisch zu bekommen: Man besprühe es leicht mit Wasser, stecke es für eine bis zwei Minuten, je nach Brotsorte und Dicke der Scheiben, in den Toaster und röste es auf mittlerer Stufe an. Die Krume wird wieder weich und fluffig, die Kruste schön kross. Etwas Butter und Pflaumenmus drauf – für diesen Leckerbissen lasse ich die feinste Sahnetorte stehen. Probieren Sie es aus, es schmeckt phantastisch. Ich wünsche guten Appetit!

Nickname 23.05.2018, 06.25 | (0/0) Kommentare | PL

ICH BIN JA SO VERSCHOSSEN

„…in deine Sommersprossen, die kleinen und die großen sind meine Freud´!“ Diesen alten Gassenhauer singe ich unserem Barny manchmal vor. Der Schatz hat nämlich zwei ganz allerliebste Sommersprossen auf seiner süßen Schnute. Direkt zum Verschießen!


  

Aber wieso ist man eigentlich verschossen? Schlag nach bei Shakespeare, denn da steht was drin, so hieß es in meiner Jugend. Heute stehen uns andere Informationsquellen zur Verfügung, und da habe ich mich einmal schlau gemacht:

 

Also… früher sagte man: „Ich bin geschossen“ - eine Anspielung auf Amor, den römischen Liebesgott. Der Legende nach verliebt sich derjenige besonders heftig, der von dessen Pfeilen getroffen wird und man ist machtlos gegen das süße Gift. Nun wissen wir alle, dass besonders die Herren der Schöpfung sich schwer tun mit verbalen Liebeserklärungen. Einfach zu sagen, ich bin verliebt, ist und war vielen von ihnen auch früher schon peinlich.  Man(n) wusste sich zu helfen: Er verschmolz kurzerhand zwei Wörter – geschossen und verliebt – zu einem neuen, weniger gefühlsseligen und ist seitdem verschossen. So simpel, so genial. Wollten wir es allerdings ganz genau nehmen (was wir natürlich nicht tun, dafür ist die Sache an sich viel zu schön), dann gäbe es hierbei einen Haken: Ein wörtlich verschossener Pfeil hätte nämlich leider sein Ziel verfehlt und wäre irgendwo in die Landschaft geflogen, anstatt mitten ins Herz.

 

Aber egal, wie Sie es nennen – Spaß macht es auf jeden Fall. Am besten suchen Sie sich einen strategisch günstigen Platz, wo der Pfeil Sie unter allen Umständen treffen muss, und seien Sie wieder mal verliebt!


Nickname 22.05.2018, 16.35 | (0/0) Kommentare | PL

2018
<<< Juli >>>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
      01
02030405060708
09101112131415
16171819202122
23242526272829
3031     
ÜBER MICH:Geboren vor 62 Jahren als waschechte Berliner Pflanze, mit reinem Spreewasser getauft und in der Heimatstadt fest verwurzelt geblieben.
Verheiratet mit dem besten aller Ehemänner und glückliches Frauchen von drei allerliebsten Fellnasen.


Besucherzaehler