Mitternachtsspitzen

Ausgewählter Beitrag

SPÄTSOMMER, TEIL 14: NAME IST NICHT NUR SCHALL UND RAUCH

„Sie“ oder „Du“ im Altersheim? Das kommt auf den Einzelfall an. Wir halten es grundsätzlich so, dass wir alle Bewohner mit ihrem Familiennamen und mit „Sie“ anreden. Es ist eine Frage der Achtung und des Respekts, die alten Menschen nicht wie kleine Kinder zu behandeln (selbst wenn sie sich manchmal wieder so benehmen). Es gibt jedoch Ausnahmen. Einige sind bereits so verwirrt, dass sie mit ihrem Nachnamen nichts mehr anfangen können. Da vermittelt ihnen dann der Vorname zusammen mit dem vertraulichen „Du“ ein Gefühl von Beschütztsein und Geborgenheit. Ob so oder so: Wichtig ist in jedem Fall, dass die Menschenwürde auch – und gerade – im Alter gewahrt bleibt.


Im Büro des „Lindenhofs“ hängt in einem schönen, silberfarbenen Rahmen, folgender Text:


BETREUUNGSWUNSCH EINER ALTENPFLEGERIN FÜR DAS JAHR 2026


„Da ich im Jahr 2026 stolze 75 Jahre sein werde, möchte ich mich bei Ihnen vorstellen:


Lassen Sie mir bitte meine Identität. Ich heiße Helga W. und möchte auch so genannt werden. Nicht Oma oder Helga, auch bin ich kein Zirkusmitglied und heiße Floh.


Wahrscheinlich werde ich nicht mehr in der Lage sein, meine Wünsche zu äußern, darum möchte ich es jetzt tun. Aus finanziellen Gründen kann ich mir kein Einzelzimmer leisten, aber meine Bitte: Bei der morgendlichen Grundpflege stellen Sie doch bitte einen Sichtschutz auf, damit ich nicht allen Blicken preisgegeben bin. Beim Duschen zum Abschluss bitte einmal ganz kalt, das bin ich von Kind auf so gewöhnt (daher selten erkältet). Trocknen Sie mich bitte gut ab, damit ich nicht wund werde. Solange ich noch als Altenpflegerin tätig war, habe ich immer auf kurze, saubere Fingernägel Wert gelegt. Würden Sie das bitte für mich übernehmen (auch zu Ihrem eigenen Schutz, damit ich Sie nicht kratzen kann). Falls ich mich nicht mehr allein anziehen kann, hätte ich gern, dass mir die Schwester dabei behilflich ist. Ich möchte so nett wie möglich gekleidet sein. Bitte keinen bunten Paradiesvogel kleiden! Strümpfe ohne Laufmaschen sehen dazu gepflegt aus.


Mein Bargeld reicht wahrscheinlich dazu, dass ich einmal im Monat zum Friseur kann. Ach ja, und einmal Fußpflege bitte, die Hühneraugen tun so schrecklich weh.


Wenn man mir ein gutes Buch zu lesen gibt, zum Beispiel Eugen Roth, reichen Sie mir dann bitte auch meine Brille?
Sollte ich nicht mehr allein essen können, zerkleinern Sie doch bitte die großen Stücke für mich mundgerecht. Gern will ich versuchen, mit dem Löffel auch allein zu essen, damit Sie mich nicht zu füttern brauchen. Der Teller dürfte wohl einen höheren Rand haben, damit ich das Essen nicht über den ganzen Tisch jagen muss. Sie sind sonst verärgert mit mir (was ich vielleicht nicht mehr verstehe), und ich bekomme keine neue Tischdecke.


Wenn ich Blase und Darm nicht mehr kontrollieren kann, würden Sie mich bitte trotzdem wie einen normalen Menschen behandeln? Könnten Sie versuchen, die Nase nicht zu rümpfen, wenn Sie die Bettdecke aufschlagen und es nicht so gut riecht? Nennen Sie mich bitte auch nie einen Schmutzfink, auch wenn es im Sozialhilfegesetz die erhöhte Geldzulage für Schmutzer gibt.


Sollte ich einmal senil sein, Ihre Wünsche nicht verstehen können, schimpfen Sie nicht mit mir, das macht mich nur noch unruhiger und aggressiver.


Behandeln Sie mich bitte mit Ruhe und Nachsicht. Meine Welt wird zunehmend kleiner, darum lassen Sie mich doch an Ihrer ein klein wenig teilhaben. Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer Familie oder wie Ihr Urlaub war.


Meine Wünsche nehmen kein Ende, doch sind sie alle recht einfach zu erfüllen. Was ich brauche ist ein gutes Essen, menschliche Wärme und jemand, der mich liebevoll betreut und versorgt. Ich habe Ihnen viel zum Nachdenken gegeben, vielleicht kann ich auch das später nicht mehr und Sie müssten es für mich tun. Würden Sie das für mich übernehmen?


Für alle Ihre Bemühungen möchte ich mich jetzt bei Ihnen bedanken, vielleicht kann ich das später nicht mehr.
Helga W."


Ich gestehe, dass mir beim Lesen regelmäßig die Tränen kommen. Im Grunde klingt das alles ganz selbstverständlich, ist es aber leider nicht immer und überall. Nachdenkenswert ist es allemal, finde ich.


Alles Liebe, und bleibt neugierig!



Nickname 12.08.2017, 13.47

Kommentare hinzufügen











Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden

2017
<<< August >>>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
 010203040506
07080910111213
14151617181920
21222324252627
28293031   
ÜBER MICH:Geboren vor 62 Jahren als waschechte Berliner Pflanze, mit reinem Spreewasser getauft und in der Heimatstadt fest verwurzelt geblieben.
Verheiratet mit dem besten aller Ehemänner und glückliches Frauchen von drei allerliebsten Fellnasen.